Diversität als Chance in der katholischen Kirche


Links: Daniel Kosch I rechts: Karl-Anton Wohlwend

Für unser Jubiläumsjahr (15 Jahre socialdesign) führen wir Interviews mit Personen durch, welche die Produkte und Dienstleistungen, die socialdesign mit und für Kund:innen erarbeitet, schlussendlich auch in ihrem Alltag nutzen. Mit dieser Serie möchten wir unseren Leser:innen Einblick geben in unsere konkrete Zusammenarbeit mit Kund:innen und aufzeigen was diese aus der Nutzer:innenperspektive bedeutet. Das zweite Interview dieser Serie führte socialdesign mit Daniel Kosch und Karl-Anton Wohlwend.


Wo arbeiten Sie und was ist Ihre Funktion?

Daniel Kosch: Ich bin seit über 20 Jahren Generalsekretär bei der Römisch-Katholischen Zentralkonferenz der Schweiz (RKZ). Die RKZ ist der Zusammenschluss aller katholischen Kantonalkirchen, also der Körperschaften, welche beispielsweise die Kirchensteuer erheben. Wir sind auf nationaler Ebene die Institution, welche nebst den finanziellen Belangen das Verhältnis zum Staat, aber auch organisatorische Fragen zum kirchlichen Leben regeln.

Karl-Anton Wohlwend: Ich bin seit 2019 Nationaldirektor von migratio, eine Dienststelle der Schweizer Bischofskonferenz, welche für die Seelsorge in der sogenannten Migrationspastoral und für Pastoral von Menschen unterwegs zuständig ist.

Können Sie kurz umreissen, in welchem Zusammenhang Sie mit socialdesign zusammengearbeitet haben?

Daniel Kosch: Ich kenne socialdesign schon lange, da wir in der RKZ mit Institutionen, mit welchen wir zusammenarbeiten, oft über Leistungsvereinbarungen organisiert sind und socialdesign diesbezüglich viel Know-how hat. Ausserdem wusste ich, dass socialdesign viele Kantone in Fragen der Integration von Migrant:innen, bzw. der Kantonalen Integrationsprogramme (KIP) beraten und begleitet hat. Für mich war es deshalb naheliegend, socialdesign als externe Begleitung der katholischen Kirche in der Erarbeitung des Konzeptes für eine interkulturelle Pastoral beizuziehen.

Karl-Anton Wohlwend: Das Projekt besteht seit 2017 und ich bin 2019, also nachdem die Analyse abgeschlossen war und es darum ging, das Konzept zu erarbeiten, eingestiegen. Der Einstieg für mich war leicht, da ich in meinem früheren Tätigkeitsfeld bereits sehr gute Erfahrungen mit der Fach-, Methoden- und Sozialkompetenz von socialdesign, gerade auch in schwierigen Settings, gemacht hatte.

Können Sie noch etwas genauer erzählen, worum es im Projekt rund um die Erarbeitung des Konzepts für eine interkulturelle Pastoral genau ging und wo dieses heute steht?

Daniel Kosch: Fast 40% der Mitglieder der katholischen Kirche haben einen Migrationshintergrund. Je nachdem wo man sich in der Schweiz befindet, ist dieser Anteil sogar noch höher (in den Städten teilweise weit über 50%). Um die einzelnen Sprachgemeinschaften seelsorgerisch zu betreuen, wurden seit dem zweiten Weltkrieg zahlreiche Missionen geschaffen, für jede Sprachgemeinschaft eine eigene. In den letzten Jahrzehnten haben wir gemerkt, dass sich die gesellschaftlichen Bedingungen geändert haben. In der Schweiz sprechen wir längst nicht mehr nur von Arbeitsmigration. Unsere Kirche ist langfristig geprägt durch die Vielfalt und durch die unterschiedlichen Kulturen von Menschen die hier leben. Je bewusster der Kirche wird, dass diese Vielfalt an Menschen ein Reichtum ist, gerade wenn die unterschiedlichen Erfahrungen geteilt werden, desto stärker wird der Wunsch das manchmal auch spannungsvolle Nebeneinander einer «einheimischen Kirche» und verschiedener «Missionen» zu einem vermehrten Miteinander weiterzuentwickeln. Das ist das Hauptanliegen des Konzepts «Auf dem Weg zu einer interkulturellen Pastoral» – Migrationspastoral in der Schweiz». Ende 2020 haben wir dessen Erarbeitung abgeschlossen, jetzt möchten wir basierend auf dem vielen Papier, welches wir erarbeitet haben, in die Umsetzung gehen.

Karl-Anton Wohlwend: Mein Ausgangspunkt ist folgende Betrachtung: Die Kirche steht vor vielen Herausforderungen und diversen Veränderungen. Eine Thematik ist, dass wir in der Kirche Schweiz miteinander unterwegs sein möchten. Das heisst nicht nur, dass das duale System der Bischofskonferenz SBK und der RKZ, sondern auch die Menschen, die vor Ort sind, d.h. die Ortspfarreien und die Migrationspastoral gemeinsam auf einem Weg sind. Es braucht letztendlich eine Annäherung von beiden Seiten. Wir haben jetzt ein Gesamtkonzept vorliegend. Es ist kein fertiges Konzept, sondern ein Arbeitsinstrument, welches uns in den nächsten fünf bis fünfzehn Jahren begleiten soll. Jetzt beginnt die spannende Arbeit des interkulturellen Miteinanders bei gleichzeitigem wertschätzenden Nebeneinander!

In dieses Projekt waren viele verschiedene Akteur:innen involviert – wen würden Sie denn letztendlich als «Nutzer:innen» der Migrationspastoral bezeichnen? Sind Sie beide als Mitglieder der katholischen Kirche ebenfalls «Nutzer» / Zielgruppe?

Karl-Anton Wohlwend: Aus meiner Sicht ist es die Kirche Schweiz, denn es betrifft uns alle. Und unter Umständen können auch andere Organisationen von uns lernen. Die Resonanz bezüglich diesem Projekt, auch aus Rom, ist sehr positiv. Es gibt sehr viele Nutzer:innen.

Daniel Kosch: Zuerst hiess dieses Projekt «Gesamtkonzept für die Migrationspastoral», somit ist die Kerngruppe genannt. Dies ist auch in einem staatlichen Integrationsprojekt der Fall: man denkt primär an die Personen, welche integriert werden sollen, und nicht an diejenigen, die schon hier sind. Jedoch zeigt sich je länger wir daran arbeiten, dass die ganze Kirche und alle ihre Mitglieder profitieren. Unser aller Leben wird reicher, wenn wir die kulturelle und religiöse Vielfalt unserer Kirche als Chance betrachten. Und auch die ganze Gesellschaft profitiert, weil damit ein wichtiger Beitrag zur Beheimatung zugewanderter Personen und zum besseren Verständnis zwischen Einheimischen und den – sehr unterschiedlichen – Menschen mit Migrationshintergrund geleistet wird. Mit Blick auf das Produkt, welches wir erarbeitet haben, sind die primären Nutzer:innen letztendlich Menschen, die in besonderer Verantwortung stehen. Wir können nicht davon ausgehen, dass jeder Mensch in den Gemeinden dieses Konzept liest. Aber es ist ein Werkzeug, welches auf der nationalen Ebene beginnt und bis hin zu konkreten Fragen geht, welche Personen vor Ort ansprechen sollen. Und es zeigt sich, dass dieses Projekt auch Nebenwirkungen hat. So haben verschiedene Bistümer in der Zwischenzeit schon Personen angestellt, welche das Thema Migrationspastoral bearbeiten, d.h. es werden neue Ressourcen aufgebaut.

Karl-Anton Wohlwend: Tatsächlich ist auch aus meiner Sicht schon eine schöne Dynamik entstanden. Es entsteht Vieles und wir können sagen: die Lokomotive hat sich in Bewegung gesetzt.

Die Diversität in der Gesellschaft soll Platz in der katholischen Kirche finden – was gibt es aus diesem Projekt aus Ihrer Sicht auch für andere, evtl. ähnliche Prozesse in anderen Bereichen zu lernen? Was sind, basierend auf Ihrer Erfahrung wichtige Erfolgsfaktoren für einen solchen Öffnungsprozess? Was vielleicht Stolpersteine?

Daniel Kosch: Ich würde die Ausgangslage etwas anders beschreiben: Die Diversität ist da – in der Kirche wie in der Gesellschaft. Es geht nicht darum, dass sie «Platz findet», sondern dass sie als Realität anerkannt, gewürdigt und als Chance wie auch als Herausforderung wahr- und ernstgenommen wird. Und diesbezüglich zeigt sich für mich auch der Erfolg dieses Projektes: wenn ein solcher Prozess in Gang kommt, stossen unterschiedliche Akteur:innen mit unterschiedlichen Interessen aufeinander und es ist wichtig, dass man sich immer wieder zusammenrauft. Eine externe Projektleitung, wie sie socialdesign in diesem Projekt übernahm, schafft für alle Beteiligten einen Freiraum und eine Sicherheit, um auch heikle Themen oder unterschwellige Konflikte anzugehen. Ohne externe Begleitung hätten wir wohl schneller aufgegeben und wären weniger tief gegangen. Der zweite Punkt, welcher für mich nochmal deutlich wurde: Sind ausreichend finanzielle Mittel und andere Ressourcen vorhanden, ist es viel einfacher, Schritte zu ihrer gerechteren Verteilung zu machen, als wenn der Spielraum gering ist – denn dann kann man nirgends etwas hinzufügen, was man nicht anderswo wegnimmt. Man ist daher gut beraten, Umbau-Prozesse an die Hand zu nehmen, solange man noch Spielraum hat. Sie sind dann weniger schmerzhaft. Als Gesellschaft haben wir seit dem zweiten Weltkrieg einen unglaublichen Boom erlebt und konnten sehr vieles aus einem Ertragsüberschuss finanzieren. Dies ändert sich nun. Man kann nur allen raten, so früh wie möglich mit Änderungs-Prozessen zu beginnen, denn die Spielräume schrumpfen. Und dies wird wohl auch die Arbeit von Organisationen wie socialdesign erschweren.

Karl-Anton Wohlwend: Es ist wichtig, dass wir uns auf den Weg gemacht haben und auf dem Weg sind. In einem dualen System, in welchem wir auch unterschiedliche Interessen vertreten müssen, war eine solche Begleitung sehr wichtig. Für mich gibt es konkret vier Learnings aus diesem Projekt, welche jeweils aus Spannungsfeldern bestehen. (1) Konkrete Ziele formulieren und die Offenheit haben, den Blick schweifen zu lassen, um Anpassungen zu machen. (2) Prozesse brauchen Zeit, aber man muss den Weg unter die Füsse nehmen. (3) Dialoge im interkulturellen Bereich sind wichtig und es braucht dennoch den Mut, Entscheidungen zu treffen. (4) Wir hatten Meinungsunterschiedenheiten und Konflikte, diese anzugehen und sich dennoch immer wieder gemeinsam auf den Weg zu machen, ist zentral. Für mich war es ein sehr wertvolles Projekt und ich habe noch einmal gemerkt, dass socialdesign bei sehr hoher Komplexität mit verschiedenen teils sehr unterschiedlichen Playern hochprofessionell bleibt. Ohne diese externe Begleitung wäre dieses Projekt nicht in der gleichen Form durchführbar gewesen.

Was möchten Sie socialdesign für die nächsten 15 Jahre mit auf den Weg geben?

Daniel Kosch: Kürzlich hat die Zeitschrift «Organisationsentwicklung» eine ihrer Ausgaben unter den Titel «Fake Change» gestellt und damit angesprochen, dass in Veränderungsprozessen manchmal «sehr viel passiert, damit nichts sich ändert». Bei Konzeptentwicklungen und politisch motivierten Projekten ist dieses Risiko gross – obwohl alle wissen, dass wir uns das eigentlich nicht mehr leisten können und dass das auch zu Projektmüdigkeit führt. Dies gilt jetzt nicht nur für socialdesign, sondern auch für die Klientel. Konsequentes Ansprechen und Abblocken von Entwicklungen, die in Richtung «Fake Change» gehen, könnte ein Qualitätsmerkmal eines Beratungsunternehmens wie socialdesign sein. Letztendlich braucht es auch ein gewisses Vertrauen, diese Rolle zu übernehmen, ohne sich von der Angst leiten zu lassen, dass einem die Kund:innen deswegen den Auftrag entziehen.

Karl-Anton Wohlwend: Mit fünfzehn hat socialdesign die Pubertät wohl hinter sich und ich sah in den letzten Jahren sehr viel Fachkompetenz, Jugendlichkeit und Frische bei socialdesign. Diese Jugendlichkeit, die Frische, Flexibilität im Kopf und das Aufzeigen des Perspektivenwechsels soll socialdesign beibehalten. Letztendlich stelle ich fest, ist die Breite der fachlichen Aufstellung ein grosses Plus. Obwohl socialdesign kein grosses Beratungsunternehmen ist, hat es eine kritische Grösse, welche ein breites Know-how mitbringt. Daher wünsche ich socialdesign, dass ihr euch diese Fach- und Methodenkompetenz bewahrt, dies gibt euch einen USP.

Vielen herzlichen Dank an Sie beide, Herr Kosch und Herr Wohlwend, für dieses aufschlussreiche Interview!